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Christine Moser
Weltwetter
Über zwei Jahre hat Christine Moser die Satellitenbilder der Wetterseite aus der Neuen Zürcher Zeitung ausgeschnitten
und gesammelt. Die schwarz weissen Abbildungen dokumentieren zusammen mit den zufälligen Ausschnitten aus den Vermischten Meldungen auf den Rückseiten überraschend poetisch unseren Zeitgeist. Das Aufeinandertreffen fragmentarischer Alltagsmeldungen weckt unterhaltsame und kritische Assoziationen zu einer kuriosen Welt. - Mit einem ausführlichen Text von David Signer.
Von David Signer. Das Satellitenbild von Europa hat etwas Souveränes. Es gibt uns den Eindruck einer extremen Vogelperspektive: Wir überblicken alles. Aber wir sehen zugleich nichts. All das, was das tägliche Leben ausmacht, sehen wir nicht: Liebe, Hass, Konflikte, Kriege, all die menschlichen Tragödien und Komödien, sex and crime, all die Katastrophen und Wunder des Alltags. Diese Vermischten Meldungen, diese Kehrseite nehmen wir erst durch die Froschperspektive wahr, auf der Rückseite der imposanten Satellitenbilder.
Aber diese Gegenüberstellung von Wetter und fait divers ist auch wieder unrichtig, weil erstens das Wetter nicht selten die Alltagsgeschichten mitverschuldet, und weil zweitens das Wetter doch das Alltagsthema par excellence ist. Vielleicht, weil es wunderbar als Metapher für das Lebens überhaupt taugt. «Heute regnet es, morgen scheint wieder die Sonne», sagen wir, um jemanden zu trösten. «Düstere Wolken türmen sich am Horizont auf» warnen wir oder sprechen im übertragenen Sinne von der «Sonnenseite des Lebens».
Der Wetterbericht und die Vermischten Meldungen sind immer gleich und immer wieder anders. Sie kombinieren die ewig gleichen Elemente auf immer wieder neue Art. Und noch etwas verbindet sie: Sie sind eigentlich immer schon vorbei, wenn wir sie zu Gesicht bekommen. Sie wurden nämlich, was man als Zeitungsleser - auf der Jagd nach den neuesten News - gerne vergisst, immer schon am Vortag produziert. Die gestrige Prognose des heutigen Wetters... seltsam eigentlich. Aber vielleicht ist auch das keine schlechte Metapher für das Leben überhaupt, dem wir denkerisch immer hinterherhinken. Immer versuchen wir mit Konzepten von gestern zu verstehen, was jetzt um uns herum passiert. Und verstehen es immer erst im nachhinein.
PDF 5.8 MB
Leseprobe aus Weltwetter
320 Seiten, 170 x 230 mm, Englische Broschur ISBN 978-3-905810-01-1, 19.90 CHF |
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